Lange Nacht der Startups Berlin 2016 (2)

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Nachdem ich mich vor ein paar Tagen schon zum Vortragsprogramm am Freitag geäußert habe, hier noch ein paar Bemerkungen zur eigentlichen Langen Nacht der Startups am Samstag. Die Ausstellung fand an vier Orten statt – bei Microsoft, Volkswagen und der Deutschen Bank in den jeweiligen Geschäftsräumen Unter den Linden und in der Hauptstadtrepräsentanz1 der Deutschen Telekom in der Französischen Straße. Die Startups waren inhaltlich grob entsprechend des Marktbereiches der Sponsoren sortiert. Bei der Telekom gab es zudem auch noch ein kleines Abendprogramm mit Pitches, Panels und Posaunen Musik. Insgesamt war ich von der Vielfalt und Qualität der sich vorstellenden Unternehmen positiv überrascht und der Abend hat mir sehr gut gefallen.

1 – Microsoft

Hier haben sich primär junge Unternehmen mit Softwarefokus vorgestellt, sodass dieser Bereich für mich eher uninteressant war. Am besten gefallen haben mir FastBill und taxbutler, die meiner Meinung nach reale Probleme lösen. In letzter Zeit scheint es üblich zu sein, dass alles per Video gemacht werden muss: Bei TrustMyFace kann man Produkte und Dienstleistungen per Video bewerten. Das finde ich als potentieller Bewerter anstrengend und als Konsument dieser Bewertung noch viel anstrengender. Videos sind unstrukturiert und schwieriger zu überfliegen. Zudem glaube ich, dass die Zuschauer bei der Qualität der Bewertung auch nach dem Aussehen des Bewerters diskriminieren, was für Mitglieder der gesellschaftlichen Mehrheit zumindest oberflächlich kein Problem ist, für alle anderen aber eben doch eins sein kann.2 Das Problem bei Videobewertungen ist natürlich überschaubar, jedoch arbeitet JobUFO an einem Bewerbungssystem, das Anschreiben durch 30-Sekunden-Videos ersetzt. Während also an anderer Stelle anonyme Bewerbungen auf dem Vormarsch sind, bietet JobUFO die perfekte Grundlage für Diskriminierung. Das Argument beider Unternehmen ist, dass Videos den eigenen Charakter leichter herausstellen können. Das mag wohl stimmen, aber für die meisten Bewertungen und Bewerbungen ist der eigene Charakter weniger relevant als Fachkenntnis. Das einzige interessante Video-Startup, das ich in letzter Zeit entdeckt habe ist videopath, das Struktur in Videos bringt, jedoch leider nicht an der Langen Nacht teilgenommen hat.

2 – Deutsche Bank

Erwartungsgemäß haben im Atrium der Deutschen Bank hauptsächlich Startups aus dem FinTech-Sektor ausgestellt, was ich schon deutlich interessanter finde. Besonders gut finde ich die Ideen hinter Berries App und Barzahlen, weil sie spezifische Probleme des deutschen Marktes angehen und keine Kopien von Vorbildern aus den Staaten sind. Barzahlen bietet eine alternative Zahlungsinfrastruktur an, die es ermöglicht ohne EC- oder Kreditkarte im Internet einzukaufen. Dabei finde ich den Datenschutzaspekt weniger interessant als die Tatsache, dass damit (oftmals) günstige Online-Preise genau der Zielgruppe zugänglich gemacht werden, die am meisten davon profitieren kann. Arm sein ist teuer genug und arme Menschen haben weniger Zugang zu Finanzdienstleistungen – Barzahlen finde ich hier eine sehr spannende Alternative. Außerdem entschärft es das Problem der lächerlich hohen Gebühren beim Abheben von Bargeld an bankfremden Automaten.

Die Berries App hat eine andere Zielgruppe und will Investitionsanreize setzen, indem es als digitales Sparschwein funktioniert. Nachdem EC- oder Kreditkarte mit der App verbunden wurden, werden alle Zahlungen automatisch auf den nächsten vollen Euro aufgerundet und die Differenz zum eigentlich Zahlungsbetrag investiert. Während ich die Idee hervorragend finde und glaube, dass die Transaktionkosten auch für kleine Investitionen inzwischen überschaubar sind, frage ich mich jedoch, wie genau der Teil mit dem Aufrunden funktionieren soll – die Technik wird gerade noch entwickelt. Wer viel mit Karte bezahlt, weiß, dass die Abrechnung bereits jetzt sehr unübersichtlich sein kann und zusätzliche Transaktionen alles nur noch schwieriger machen. Meiner Meinung nach sollte dieses Prinzip also von Banken angeboten werden, die den Prozess sauber integrieren können. Trotzdem finde ich die Idee sehr spannend – vor allem weil die deutsche Angst vor Investitionen am Kapitalmarkt immer noch sehr ausgeprägt zu sein scheint.

Auch mit einer originellen Idee vertreten war OptioPay. Das Startup ist ein besonderer Zahlungsdienstleister für Unternehmen, die Auszahlungen an Privatpersonen durchführen (Erstattungen, Schadensregulierungen, Zinsen, Boni, etc.). Der Nominalbetrag kann entweder durch eine reguläre Überweisung ausgezahlt werden oder aber in Gutscheine mit höheren Werten eingetauscht werden. Mischformen sind ebenfalls möglich. Meine größten Bedenken sind bei diesem Verfahren, dass dieses Marketingmodell praktisch nur großen Händlern / Unternehmen3 zur Verfügung steht.

Insgesamt weniger interessant finde ich P2P-Zahlungsanbieter wie Cringle oder Cookies, denn auch wenn Venmo mit diesem Modell in den USA ziemlich erfolgreich ist, sehe ich keinen echten Markt für diese Dienstleistung im SEPA-Raum. Ja, IBANs sind unangenehm lang aber praktisch jede Online-Banking-Anwendung bietet die Möglichkeit Vorlagen zu speichern, sodass das Problem nur einmal auftritt. Danach funktionieren Überweisungen ziemlich schnell und bequem – und das ist ein wesentlicher Unterschied zu den USA, wo die Abrechnung zwischen Banken noch immer ungefähr so schnell geht wie vor dem Krieg der Entwicklung von Computern4. Daher sehe ich die Vorteile von P2P-Payments als zwar existent aber gering an, und entsprechend schwierig dürfte die Monetarisierung werden. Wie Berries App funktioniert das ganze vermutlich am besten in Zusammenarbeit mit Banken.

3 – DRIVE Volkswagen Group Forum

Das Thema bei VW war Mobilität und erneuerbare Energien – also durchaus spannende Themen und entsprechend viele reizvolle Startups. Beide Aspekte werden von Muvon abgedeckt, die ein Paket aus Elektroauto, Solaranlage und Batteriespeicher anbieten, das es ermöglicht, die eigene Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen auf einen Schlag deutlich zu reduzieren5. Wenn man das Auto dann doch mal unterwegs laden muss, hilft PlugSurfing. Das Unternehmen bietet eine App mit einem Verzeichnis von aktuell 28.000 Ladestationen verschiedener Anbieter in Europa sowie einen Ladeachlüssel an. Mit diesen beiden Werkzeugen kann man freie Ladestationen finden und die Ladung bezahlen. Eine Registrierung bei den Betreibern der Ladesäulen ist nicht notwendig, am Ende des Monats gibt es nur eine konsolidierte Rechnung von PlugSurfing.

Wer trotzdem lieber Rad fährt, für den soll es bald etwas von Velohub geben. Fahrradlampen einer neuen Generation – mit Blinker, Bremslicht6 und von einem Laser dargestelltem Sicherheitsperimeter. Wenn ich die Kommentare auf der Seite der – inzwischen beendeten – Kickstarter-Kampagne richtig deute, soll ein komplettes Set etwa 150 Euro kosten und Anfang nächsten Jahres ausgeliefert werden. Das ist zwar nicht billig, lohnt sich für städtische Vielfahrer aber trotzdem, finde ich. Für Interessierte gibt es hier auch ein Video.

Zum Abschluss noch zwei Startups die eher den B2B-Markt adressieren. ecoligo möchte erneuerbare Energien an Industriekunden in Entwicklungsländer vermarkten, indem der Bau von Solar- und Windkraftwerken sowie der nötigen Speichertechnik finanziert wird. Die Rückzahlung erfolgt, indem der Kunde für den Strom bezahlt. In Entwicklungsländern ist Strom oft aus fossilen Brennstoffen erzeugt, nicht zuverlässig verfügbar und – nach Angaben der Gründer – für Industriekunden auch teuer, da unsubventioniert. Ein eigenes Kraftwerk kann daher eine bessere und gleichzeitig günstigere Versorgung ermöglichen, sofern die finanziellen Mittel für die initiale Investition bereit gestellt werden können. Dies möchte ecoligo durch Crowd-Funding ermöglichen.

Eher auf Softwareebene und – zumindest in der aktuellen Außendarstellung – auch eher an den europäischen Markt gerichtet ist Lumenaza. Dem Unternehmen geht es darum, die dezentrale und nachhaltige Energieversorgung zu unterstützen, indem sie Werkzeuge bereitstellen mit denen diese Entwicklung vorangetrieben werden kann. Das Grundangebot ist ein „Utility in a box“ – also eine Software, die alle Verwaltungsaufgaben eines Energieversorgers übernimmt (Gewinnung von Verbrauchern und Produzenten, Abrechnung, Vermarktung, etc.). Da das EEG den Übergang von der Einspeisevergütung zur Direktvermarktung vorsieht, gibt es hier Raum für neue Formen von Energieversorgern abseits der großen, etablierten Konzerne7. Wie das ganze aussehen kann, kann man sich bei FichtelgebirgsStrom angucken.

4 – Hauptstadtrepräsentanz der Deutschen Telekom

Die Telekom war nicht nur Hauptsponsor der Veranstaltung sondern auch Gastgeber für alle Startups, die thematisch nicht in einen der anderen Bereiche gepasst haben. Zudem gab es im Laufe des Abends mehrere Panels und Wettbewerbe in denen UnternehmerInnen ihre Idee vorstellen und dadurch Reisen zu internationalen Startup-Hubs gewinnen. Leider stimmte der Ablauf des Programm nur teilweise mit dem Plan überein – inhaltlich war alles dabei, zeitlich gab es allerdings Verschiebungen durch späten Beginn und Überziehen. Das war etwas schade, da es so leider schwierig war, zielgerichtet nur Teile des Programms anzusehen. Zudem gab es meiner Meinung nach zu viele Panels und zu viel Inhalt – insbesondere da es im Rahmen der Veranstaltung bereits zwei Vortragsreihen gab.

Unter den bei der Telekom ausstellenden Startups fand ich auch einige spannende Unternehmen, die im Hardwarebereich arbeiten. Zum einen war da diamond inventics, die ein papierbasiertes Analyse-System entwickeln, das Untersuchungen auf spezifische Mikroorganismen einfacher, schneller und vor allem automatisierbar macht. FDX Fluid Dynamix bietet „Bewegung ohne bewegliche Teile“ indem Flüssigkeiten durch Schwingungen bewegt und gesteuert werden. Die dazu verwendeten Düsen sind individualisierbar, in sehr unterschiedlichen Größen herstellbar und können zur Mischung, Reinigung und zur Verbesserung der Kühlung eingesetzt werden. Schließlich war auch noch trinckle vertreten, deren Software die Individualisierung von Produkten in 3D-Druckverfahren unterstützt.

5 – Fazit & iCombine

Die Lange Nacht der Startups 2016 in Berlin hat mir sehr gut gefallen. Besonders beeindruckend fand ich die bereits erwähnte Vielfalt der 207 vertretenen Startups – was sicher auch daran liegt, dass Unternehmen aus der ganzen Republik und sogar dem europäischen Ausland ausgestellt haben. Aber es wäre ja wirklich schade, wenn ich nicht doch etwas zu meckern hätte, und daher noch ein paar Worte zu iCombine Expo, dem digitalen Veranstaltungsführer für die Nacht. Die Idee gefällt mir gut, an der Umsetzung muss allerdings noch deutlich gearbeitet werden. iCombine erstellt einen Katalog aller Aussteller und schließt dabei auch verschiedene Merkmale ein (Startup-Stage, Geschäftsmodell, ob offene Stellen vorhanden sind, etc.). Besucher können nun vor Beginn der Messe ein paar Fragen beantworten anhand derer iCombine’s Algorithmus ein Profil ihrer empfohlenen Startups zusammenstellt. Dieser Teil hat auch wunderbar funktioniert – so weit, so gut.

Als ich dann aber diesen Katalog am Abend nutzen wollte, musste ich folgendes feststellen:

  1. Es gibt nur die Webseite und keine App – und damit keinen Offline-Modus8. Das ist bei ausgelasteten Mobilfunknetzen und insbesondere Besuchern aus dem Ausland nicht ideal.
  2. Der Ausstellungsort / die „Halle“ sind zwar genannt, nicht jedoch der Standplatz. Außerdem gibt es keine Karte auf der Webseite. Für die Lange Nacht war das kein großes Problem, für größere Messen sollte sich das jedoch ändern.
  3. Die Navigation auf der Webseite ist zudem kaputt. Die Liste der angezeigten Teilnehmer kann gefiltert werden – wenn man sich anschließend jedoch die Details eines Startups anguckt und zur Übersichtsseite zurückkehrt, sind alle Filter gelöscht und sie müssen neu gesetzt werden.
  4. Es wurden nur zwei Filter angeboten: Ausstellungsort und ob man das Startup vorher schon als „interessant“ markiert hat. Die Kriterien, die zur Empfehlung genutzt werden, sind als Filter nicht vorhanden, d.h. ich kann nicht explizit nach Early Stage Startups mit B2B-Fokus sortieren.
  5. Warum heißt das Anwendung iCombine und folgt dann (grob) den Material Design Richtlinien für Android-Anwendungen?

Ich verstehe das Konzept „minimum viable product“ durchaus und so betrachtet finde ich die Punkte 1, 2 und 5 auch eher unproblematisch. Dass die Navigation auf der Webseite aber kaputt ist, macht das Produkt sehr schwer zu benutzen – auch wenn mir in Ermangelung von Alternativen nichts anderes übrig blieb.

  1. ein Gebäude, das diesen Namen durchaus verdient
  2. Siehe auch „Digitale Diskriminierung bei AirBnB“ in der taz
  3. Insbesondere VC-finanzierte Unternehmen, die noch keinen Gewinn machen müssen
  4. aus dem gleichen Grund sind Kreditkarten und Schecks in den USA wesentlich populärer als in Europa
  5. Tesla hat (inzwischen) den gleichen Plan, baut aber eigene Autos. Sonnen wird mittelfristig mMn ebenfalls Autos in die Vermarktung einbeziehen
  6. über Beschleunigungssensoren
  7. Nochmal Sonnen: das Modell ist hier auch eine Gemeinschaft, auch wenn das Merkmal zur Zugehörigkeit nicht Regionalität, sondern Kundschaft bei Sonnen ist
  8. Ich weiß, dass HTML5 und andere moderne Techniken Webseiten ermöglichen, die auch offline funktionieren. Diese gehört aber nicht dazu

One thought on “Lange Nacht der Startups Berlin 2016 (2)

  1. Hallo Herr Marrai,

    vielen Dank für die Kritik an unserer iCombine Expo-Applikation.
    Es war unser erster Einsatz im Rahmen einer Messe, und wir konnten durch Ihre Rezension sowie das Nutzerfeedback im Rahmen der „Langen Nacht der Startups“ viel dazulernen. Ihre Verbesserungsvorschläge haben wir uns zu Herzen genommen und in die Optimierung unseres MVPs einfließen lassen.
    Schauen Sie gerne auch in Zukunft auf unserer Homepage vorbei. Dort werden wir die aktuellsten Versionen von iCombine Expo für verschiedene Messen präsentieren.

    Beste Grüße aus Berlin sendet
    Richard Schentke

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