Was Jungen so dürfen

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So ist das also, wenn die eigenen Wertvorstellungen auf einmal (völlig zu Recht) infrage gestellt werden. Wie zum Beispiel beim Lesen des Artikels vom Nuf über Geschlechterrollen und Kindeserziehung. Es geht um Jungs und das Verhalten, das von ihnen erwartet wird. Während es bei Mädchen völlig normal oder zumindest akzeptiert ist, wenn sie Dinge tun, die früher nur Jungs tun durften, ist das andersherum noch nicht so. Ich habe mich als Junge nie diskriminiert gefühlt (außer vielleicht beim Schulsport), aber das hat sicher auch daran gelegen, dass ich ausreichend gesellschaftskompatibel war. Als es im Artikel darum ging, dass auch die eigenen Söhne Nagellack haben dürfen, dachte ich mir noch „Sollen sie doch“ – was ich mir halt so denke, wenn irgendjemand, irgendetwas anders macht und dabei niemandem weh tut.

Den Links im Artikel folgend, kam ich schließlich bei einem Text an, in dem Nils Pickert schreibt, warum er hin und wieder einen Rock trägt:

Ich bin damit, das ist mir mittlerweile auch klar, Teil einer Minderheit, die sich gelegentlich zum Affen macht. Aus Überzeugung.

In meinem Fall hat das damit zu tun, dass ich meinem Sohn nicht ausreden wollte, Kleider und Röcke zu tragen. Weil er sich damit auch in Berlin keine Freunde gemacht hat, blieb mir nach reiflicher Überlegung nur eine Möglichkeit: Die Schultern für meinen kleinen Kerl breit zu machen und mir selbst einen Rock anzuziehen. Schließlich kann ich ja von einem Kind im Vorschulalter nicht das gleiche Durchsetzungsvermögen erwarten wie von einem Erwachsenen. So ganz ohne Vorbild. Das Vorbild bin jetzt also ich.

Da musste ich doch etwas schlucken. Das Ganze hat mich ziemlich irritiert. Dazu kam dann noch die Irritation darüber, dass mich sowas überhaupt irritiert. Wie sich (wenig überraschend) herausstellt bin weder ich mit meiner Irritation noch der Junge mit seinem Wunsch allein. Aus dem New York Times Magazine (englisch):

Many of the parents who allow their children to occupy that “middle space” were socially liberal even before they had a pink boy, quick to defend gay rights and women’s equality and to question the confines of traditional masculinity and femininity. But when their sons upend conventional norms, even they feel disoriented. How could my own child’s play — something ordinarily so joyous to watch — stir up such discomfort? And why does it bother me that he wants to wear a dress?

Nun bleibt die Frage, warum dieser Wunsch selbst Menschen verstört, die in anderen Feldern eine liberale Haltung an den Tag legen. Die Kaltmamsell hat mindestens eine unschöne Erklärung:

Und: Mädchen-artiges wird minderwertig eingeschätzt. Ein Bub mit Neigung zu gesellschaftlich Mädchentypischem wird auch deshalb scheel angesehen, weil er sich scheinbar erniedrigt. In ihrem Buch The Loudest Duck erwähnt Laura Liswood eine Studie des American Council of Education, die Geschlechtererwartungen untersuchte:

A group of 11-year-old girls were asked, “What would it be like if you came back tomorrow as a boy?” The girls responded that they would climb trees, get dirty, and play late. A group of 11-year-old boys were similarly asked, “What would happen if you came back tomorrow as a girl?” The boys’ reaction? Nearly suicidal. Some said that they would jump off a bridge, wouldn’t wake up the next day in hopes of ignoring reality, or wouldn’t go out of the house. The boys reacted with mortification and horror at the thought of having to live life as a girl.

[Nachtrag: Die Frau M. als angehende Lehrerin hat angemerkt, dass 11 ein kritisches Alter ist und die Mädchen evtl. schon weiter in der psychologischen Entwicklung sind und „und es ihnen deshalb einfacher fällt sich in andere Situationen hineinversetzen zu können.“]

Dass nicht nur die Kinder das so sehen, sondern auch die Eltern, findet sich auf im oben verlinkten Artikel aus dem NYT Magazine – irgendwo müssen es die Kinder ja her haben:

Boys are up to seven times as likely as girls to be referred to gender clinics for psychological evaluations. Sometimes the boys’ violation is as mild as wanting a Barbie for Christmas. By comparison, most girls referred to gender clinics are far more extreme in their atypicality: they want boy names, boy pronouns and, sometimes, boy bodies.

Umso schöner ist es, dass es auch verständnisvolle Eltern und ErzieherInnen und gibt. Ich bin ziemlich beeindruckt vom Herrn Pickert. Nachdem ich mich am Freitag noch verwundert darüber zeigte, von Google in den Frauen-Cluster geworfen zu werden, kommt das Internet heute also daher und erteilt mir eine Lektion in Sachen Geschlechterrollen. Karma’s a bitch.


2 thoughts on “Was Jungen so dürfen

  1. ‎Ich hab da n paar Anmerkungen und Fragen:)
    1. Wieso werden denn Jungs im Schulsport grundsätzlich diskriminiert? Überhaupt hatten wir ab der 5. Klasse getrennten Sportunterricht.
    2. Beim Fragen stellen an gleichaltrige Kinder (also die 11jährigen Jungs und Mädels) sollte auch in Betracht gezogen werden, dass die M in ihrer psychologischen Entwicklung evtl schon weiter sind und es ihnen deshalb einfacher fällt sich in andere Situationen hineinzuversetzen.
    3. Herr Pickert ist ein ziemlich cooler und vor allem vorbildlicher Vater! Rock on :)(vorsicht: Wortspiel)
    5. Passt nicht so ganz, aber hier ein paar Beispiele dafür, wie Werbestrategen die mühsam erkämpfte und noch in sehr fragilen Kinderschuhen steckende Gleichstellung der Geschlechter wieder über den Haufen wirft.
    http://www.stern.de/panorama/ferreros-ue-eier-fuer-maedchen-sexismus-in-zartrosa-1882824.html

    Es leben die POSTGENDER Generation!

  2. Wo ist denn die Nummer 4 geblieben?

    zu 1) Interessant, wir hatten bis zur 13. gemeinsamen Sportunterricht (außer beim Geräteturnen) – lag wohl auch daran, dass 3 Mädchen in der Klasse zu wenig sind, um sie abzugrenzen. Abgesehen davon ist es nunmal Diskriminierung, wenn ich allein meines Geschlechts wegen höhere Leistungen für die gleiche Note bringen muss. Mag sein, dass das die einzig praktikable Möglichkeit ist – die Anmerkung war auch nicht so fürchterlich ernst gemeint, aber das Problem bleibt.

    zu 2) Sehr gutes Argument, Hinweis ist eingebaut, danke :)

    zu 5) genau das war (über mehrere Ecken) auch der Anlass für den Artikel (vgl. im Nuf-Artikel verlinkte Artikel)

    zu Postgender)
    a) Auf deutsch lässt sich das mangels Worten schwerer erklären, aber ein kluger Kommentator unter dem NYT-Artikel hat auch gesagt, dass zwischen „sex“ (also biologischem Geschlecht) und „gender“ unterschieden werden sollte.

    b) Wenn man Postgender konsequent zu Ende denkt, fallen eine ganze Menge Konstrukte in sich zusammen. Das geht ja schon bei der Ansprache mit „er“ oder „sie“ los. Auch Bezeichnungen aller Art zu gendern kann – je nach Anspruch – nur eine Übergangslösung sein. Während „SchülerIn“ noch durchaus lesbar ist, kenne ich auch Leute, die nur „Schüler_*In“ für vertretbar halten (wobei _ für sich geschlechtslos fühlen und * für sich irgendwo dazwischen fühlen steht, wenn ich das richtig erinnere). Und diese Schreibweise macht Texte ziemlich schnell unleserlich.

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