Gelesen und für hervorragend befunden – Post Privacy – Prima leben ohne Privatsphäre

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Christian Heller, alias plomlompom, hat „Post Privacy – Prima leben ohne Privatsphäre“ (beim Autor, bei Amazon) geschrieben. Ein Buch darüber, was es für uns – als Gesellschaft und als einzelne Person – bedeutet, dass unsere Privatsphäre in letzter Zeit eher eingeschränkt denn ausgebaut wird. Sei es durch „Datenkraken“ wie Facebook und Google, oder durch den Staat. Persönlich stört es mich wenig, wenn Privatunternehmen meine Daten auswerten, denn i.A. haben diese wenig Macht über mich. Im schlimmsten Fall können sie mich von ihrer Plattform werfen – ja das würde, gerade bei Google und Facebook, weh tun. Wenn ich  mich diesen Diensten jedoch verweigere, tut mir das ja genauso weh. Entsprechend lasse ich mich von der Datensammelei nicht beunruhigen, mache aber regelmäßig Backups (englisch) und hoffe, dass die Auswertealgorithmen irgendwann vernünftige Werbung platzieren.

Weil ich mit dieser Einstellung aber relativ allein bin, fand ich das Thema des Buches spannend – auch, um evtl. eine Argumentationsstrategie abzugucken. Wie bereits angesprochen, gibt es zwei Gruppen von Akteuren, die gerne Daten über uns Sammeln – den Staat bzw. öffentliche Stellen im Allgemeinen und private Unternehmen aller Art. Entsprechend muss auch der Datenschutz, der uns vor übermäßigen Eingriffen schützen soll, an zwei Fronten kämpfen. Das besondere dabei ist, dass eben jener Datenschutz erst durch den Staat legitimiert wird, vor dem er uns beschützen soll:

Durch seine Verrechtlichung gerät der Datenschutz in eine riskante Schicksalsgemeinschaft – und zwar mit dem Datensammler, vor dem er in erster Linie schützen soll. [..] Die „informationelle Selbstbestimmung“ ist vom Staat durchgesetztes Recht. [..] Der Staat bestimmt Tragweite und Grenzen dieses Rechts. Der Staat bestimmt in welchen Fällen es zusteht und in welchen nicht. So muss der Hartz-IV-Empfänger selbstverständlich detailliert seine Lebensverhältnisse gegenüber der Bürokratie offenlegen, [..]“

Wie der Autor weiter ausführt, gewährt der Datenschutz nur selten denen Schutz, die ihn wirklich benötigen.

Wo der Staat tatsächlich autoritäre oder diskriminierende Neigungen entwickelt, spielt der Datenschutz wenig mehr als einen schüchternen Bedenkenträger.

Damit wären wir auch schon beim ersten Grund, warum ich kein großen Fan des Datenschutzes bin – ein „Datenschutz“ dieser Spielart ist natürlich wenig hilfreich. Es bleibt nur immerhin noch der Schutz vor Facebook & Co:

Als schäme er sich seiner offenen Front gegenüber dem Staat, betont der Datenschutz heute seine andere Front umso schärfer: die gegen nichtstaatliche Stellen. Vordergründig heißt das: gegen private Unternehmen. Der Datenschutz tritt auf als Verteidiger der Interessen des Bürgers gegen Datensammelei zu Profitzwecken. Aber er misstraut – und das ist eine wesentlicher Unterschied zu Amerika – der Fähigkeit des Bürgers, diese Interessen in Marktdruck zu verwandeln.

Grund Nummer zwei für meine Abneigung ggü. dem Datenschutz in seiner heutigen (deutschen) Form: Er hält mich für dumm und unfähig.

Nun ist es aber nicht so, dass das Buch die sofortige Abschaffung allen Datenschutzes und der Privatsphäre des Einzelnen fordert. Vielmehr stellt der Autor Vor- und Nachteile dieser etablierten Konzepte dar und stellt ihnen Ideen wie der Transparenz gegenüber. Doch welche Nachteile bringt die Privatsphäre mit sich? Zu allererst ermöglicht sie – wenn sie von außen erzwungen wird – Diskriminierung von Randgruppen aller Art. Jeder, der von der gesellschaftlichen Norm abweicht, weicht für sich allein ab und muss allein gegen die Mehrheit kämpfen – oder sein Anderssein verstecken. Erst wenn viele die schützende Privatsphäre verlassen (können) und ihr Anderssein offenbaren – und sich damit auch dem Risiko persönlicher Angriffe aussetzen – wird der wahre Umfang einer „Minderheit“ erkennbar. Damit gewinnt diese Gruppierung an Einfluss und kann aktiv gegen Diskriminierung des Einzelnen kämpfen.

Genau dieses Phänomen beschreibt auch Kris Köhntopp in seinem Beitrag „Die Erzwingung der Privatsphäre„:

Die Struktur, um die es hier geht, und die Leute ermächtigt, ist die horizontale Kommunikation und der Zusammenschluß von geographisch verteilten, interessengleichen Personen, und die Ermöglichung der Gruppenbildung. Gruppeninteressen, die sich auf diese Weise bilden können, werden Machtfaktoren, und sind plötzlich Mitspieler in der öffentlichen Diskussion und Wertefindung – natürlich kompliziert sich so das Tagesgeschäft der Politik, und natürlich müssen die etablierten Spieler diese neuen Entwicklungen zur Kenntnis nehmen, wollen dies aber wenn möglich nicht.

[..]

Es ist genau wie Charles Stross schreibt: die LBGT 10% können auch und gerade von den Republikanern nicht mehr marginalisiert werden, weil sie jetzt als eine Gruppe auftreten können und seit dem Internet auch massiv Sichtbarkeit gewonnen haben. In Charles Stross Termen ist aus etwas, das vor 40 Jahren Material für eine Erpressung geliefert hätte, weil es privat war und privat bleiben mußte, eine mächtige, normale und anerkannte politische Bewegung und eine anerkannte gesellschaftliche Normalität geworden.

Dass Eltern heute die Möglichkeit sehen, es ihren Söhnen zu erlauben, klassische Geschlechterrollen zu sprengen, basiert im wesentlichen darauf, dass diese Eltern wissen, dass sie und ihre Söhne nicht allein sind. Mögliche Diskriminierung ist nicht der einzige Nachteil von (erzwungener) Privatsphäre – allgemeiner ausgedrückt, verhindert diese Privatsphäre nämlich die Kommunikation unter Individuen, die zu einer Gruppe gehören. Im Buch wird das am – typisch deutschen – Problem „Über Geld spricht man nicht“ erläutert. Mit den in vielen Arbeitsverträgen stehenden Verschwiegenheitsklauseln wird es dem (potentiellen) Arbeitnehmer unmöglich gemacht, seinen Marktwert einzuschätzen – was wiederum seine Verhandlungsposition schwächt.

Nun ist es aber auch nicht so, dass sich unsere Probleme mit einer vollkommen transparenten Gesellschaft in Luft auflösen. Einerseits nutzt Transparenz nur dann etwas, wenn aus den mit ihrer Hilfe gewonnenen Erkenntnissen Konsequenzen folgen – wie Heller richtig schreibt, trifft diese Eigenschaft auf Überwachung und Transparenz gleichermaßen zu:

Wie bei der Überwachung gilt: Das Wissen findet nur zur Macht in Verbindung mit anderen Gewalten. Kann der Wärter nicht mit Strafe drohen, muss ich auch seine Überwachung nicht fürchten; kann das Unten das Oben nicht stürzen, was kümmert das Oben die Sichtbarkeit seiner Verfehlungen?

Zudem weißt Heller darauf hin, dass totale Transparenz vor allem dazu führt, dass die Werte und Vorstellungen der Mehrheit etabliert werden – welche das sind, ist nicht vorherbestimmt:

Bestimmte Freiheiten könnten in einer transparenten Gesellschaft wachsen, andere schrumpfen.

[..]

Welche Freiheiten eine transparente Gesellschaft stärken oder schwächen würde, das hängt letztlich davon ab, wie die Kultur beschaffen wäre, über die sie sich legt. Wo es eine große Mehrheit mit strenger und einheitlicher Moral gibt, könnte die Transparenz zum Werkzeug werden, um diese Moral totalitär gegen Abweichler durchzusetzen. Wo dagegen kulturelle Vielfalt und Toleranz verbreitet sind, könnte die Transparenz eher zum Druckmittel gegen Intoleranz und Diskriminierung werden.

Alles in allem ist das Buch eine meiner Meinung nach sehr gute Abwägung von Argumenten für und gegen Privatsphäre. Das Buch ist erfrischend nüchtern, etwas das man in der deutschen Diskussion zum Thema Datenschutz nicht gerade gewöhnt ist. Kleine Abzüge gibt es lediglich für das zweite Kapitel, in dem Heller einen historischen Überblick über das Thema gibt. Während ich die Ausführungen durchaus für wichtig halte, empfand ich diesen Teil als zu schwierig geschrieben. Vielleicht war ich beim Lesen aber auch einfach bloß zu müde.

An dieser Stelle bleibt mir nur noch, eine klare Leseempfehlung auszusprechen. Diese gilt umso mehr für all diejenigen, die Datenschutz als um (fast) jeden Preis zu verteidigendes Gut betrachten.


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