Vier Artikel über das „Abschalten“.

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In letzter Zeit häufen sich Artikel, in denen es darum geht, dass Leute „Abschalten“ – also gezielt offline gehen – und auch noch stolz darauf sind. ZEITonline schreibt:

Kürzlich war ich mit einem Bekannten zum Essen verabredet. Er erzählte mir von seinem Elternbesuch in der Provinz. Da es dort weder Internet noch 3G-Mobilfunk gibt, musste er tatsächlich drei Tage lang offline ausharren. Es war, in seinen Worten, zunächst „ein bisschen strange“ und dann „total entspannend“.

Was genau daran entspannend sein soll, erschließt sich mir nicht. Wenn mich die ständigen Emails nerven, dann schalte ich die Benachrichtigungen halt ab. Oder implementiere ordentliche Filter, um wenigstens nur noch wichtige Nachrichten zu erhalten. Stattdessen verzichte ich auf alle Errungenschaften des Internets, lese die Nachrichten von gestern oder vorgestern auf Papier und bin nach dem Ende der Offline-Phase für Tage gestresst um all das nachzuholen, was ich verpasst habe. Toller Plan.

Kurz nach dem o.g. Artikel lese ich einen Beitrag von Manuel Reinhard, in dem es heißt:

Hohe Roaming-Kosten sind daher eine willkommene Hürde, damit ich mich an die selbst auferlegte Offline-Pause auch wirklich halte und sich der Geist wirklich mal löst von den Dingen, mit denen ich mich sonst im Alltag immer beschäftige.

Im Artikel schreibt er davon, dass Roamingkosten bei Geschäftsreisen eine eher untergeordnete Rolle spielen und ihre Höhe daher relativ egal ist. Für Privatreisen sieht er hingegen den Vorteil, leichter abschalten zu können. Was aber, wenn ich das gar nicht will? Ich lese gerne und viel – auch und gerade im Urlaub. Allerdings beschränkt sich mein Lesekonsum nicht auf Belletristik und Sachbücher sondern schließt vor allem auch Nachrichten und Kommentare zum Zeitgeschehen ein. Davon gibt es online nun einmal mehr. Das Zauberwort, um auch im Urlaub entspannen zu können, heißt „Selbstbeherrschung“.

Das sieht auch Martin Weigert so, der kurze Zeit später seine Meinung zum Thema darlegt:

Doch genau wie die Menschen im digitalen Zeitalter lernen müssen, mit der Fülle an verfügbaren Informationen umzugehen und das für sie Relevante vom Irrelevanten zu trennen, ist es notwendig, eine persönliche Mediennutzungsdisziplin zu entwickeln, die situationsabhängig den eigenen Drang nach Onlinekommunikation reguliert. Solange man das Heil in hohen Kosten für den Webzugriff im Ausland sieht, ist anzunehmen, dass man diese Fähigkeit noch nicht hinreichend trainiert hat.

Er stellt auch völlig richtig heraus, dass (bis auf wenige Ausnahmen) niemand auf elektrischen Strom verzichtet. Ich persönlich würde auch fließendes Wasser zur gleichen Kategorie zählen. Natürlich ginge es ohne auch, aber es wäre ein Verlust an Lebensqualität. Es gibt Situationen, in denen wir uns trotzdem bewusst dafür entscheiden – z.B. beim Campen oder einem längeren Ausflug in die Wildnis – und trotzdem hielte es niemand für eine gute Idee, diese Einschränkungen allen Urlaubern aufzuerlegen.

Ich finde es ja völlig in Ordnung, wenn man sich dafür entscheidet, das Handy im Urlaub auszuschalten. Aber wie der Beitrag von ZEITonline richtig darstellt, muss man das nicht unbedingt allen auf die Nase binden. Gleichzeitig sollte man sich nicht für das Offline-Dasein entscheiden müssen, nur weil man die hohen Kosten für das Datenroaming nicht aufbringen kann oder möchte. Die Roaming-Preise werden zurecht reguliert, denn sie sind überhaupt nur deshalb so hoch, weil die Mobilfunkanbieter eine zu große Marktmacht besitzen (es liegt also ein klarer Fall von Marktversagen vor).

Wenn es schon hohe Gebühren dafür geben muss, dass man die Finger nicht vom Handy lassen kann, dann schlage ich eher die Idee „The Phone Stack“ (engl.) vor:

It works like this: as you arrive, each person places their phone facedown in the center of the table. (If you’re feeling theatrical, you can go for a stack like this one, but it’s not required.) As the meal goes on, you’ll hear various texts and emails arriving… and you’ll do absolutely nothing. You’ll face temptation—maybe even a few involuntary reaches toward the middle of the table—but you’ll be bound by the single, all-important rule of the phone stack.
Whoever picks up their phone is footing the bill.


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